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BEWEGUNGSSTUDIEN
     
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KÖRPERBILDER

DROMOVISIONEN


   



Bewegungs- und Tanzstudien 

Bewegung und Fotografie - ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Erhard Scherpf stellt sich der Herausforderung, das Wesen der Fotografie zu überwinden, in dem er Bewegung
im Bild erfasst. Durch lange Belichtungszeiten lässt er tanzende Körper zu Lichterscheinungen werden.
(Gabi Scherotzki 

Die Fotografien vereinen eine Bewegungsfolge und werden gleichsam zu schwerelosen Erscheinungen des Lichts
im angedeuteten Raum. Ein Nebeneinander von Stillstandspunkten zeichnet die Spur einer Bewegung.
Der Übergang zwischen den Positionen bleibt unklar, dennoch macht er letztlich Bewegung aus.
Die Tänzerin führt die Bewegung erst einmal, dann zweimal und schließlich dreimal hintereinander ohne
Unterbrechnung aus. Die Gesten sind nicht zeitlos, aber auch nicht zeitvoll im Sinne eines geordneten Nach-
einander. Sie sind "stehende Dauer"

Mit der Dehnung des fotografischen Augenblicks scheint der Körper aus der Isolation seiner festen Kontur
herauszutreten. Das Objekt der Betrachtung entzieht sich dem direkten, allem habhaft werdenden Zugriff
des Auges. Anschaulich bleibt der bildhafte Niederschlag von etwas, das sich verflüchtigt: der Filtersatz
der Bewegung.

Mit dem Versuch Zeit- und Raumebenen zu erfassen erleben wir zugleich deren Verschwinden.
Nicht durch den "sezierenden Schnitt" des Stroboskop-Blitzes, sondern durch die Aufzeichnung der Summe
der Erscheinungen in der Zeit gelangt man zur Synthese der Bewegung, zur Darstellung der Geste.


FOTOGRAFIE UND ZEIT
Neben Licht und Raum gehört die Zeitdimension zu den elementarsten Bedingungen der Fotografie.
Die klassische Fotografie kann nur Dinge abbilden, die in der Zeit wirklich und gegenwärtig sind.
Ein Foto gibt immer Zeugnis über das Dagewesensein einer Sache oder Person, es zeigt den Augenblick einer
vergangenen Präsenz in Zeit und Raum. Das Bild entreißt ein Stück des Vergangenen, bannt diesen Moment
auf Zelluloid, wobei hier Wirklichkeit und Wahrheit nicht verwechselt werden dürfen.

Fotografie hält die Zeit an, stoppt die Bewegung und verwehrt dadurch den Zugang zur Dauer.

Erhard Scherpf hat einen Weg gefunden, den Moment des Stillstands scheinbar aufzulösen und unternimmt
in seinen Serien "Aus dem Fluss" den Versuch, die "Dauer" in der Fotografie erfahrbar zu machen.
Dabei beließ er die "festgefrorene Zeit-Strecke" (Kant) stets so lange wie möglich.


FILM UND ZEIT
Im Gegensatz zur Fotografie hält der Film nicht nur das im Bruchteil einer Sekunde festgefrorene Abbild
der Dinge fest. Durch die schnelle Abfolge von Einzelbildern wird dem Betrachter Bewegung suggeriert.
Damit vermittelt der Film die Illusion einer Dauer.
Läuft die Projektion des Films jedoch schneller oder langsamer als die ursprüngliche Aufnahmegeschwindigkeit,
entsteht eine zweite ebenso reale Zeitebene.
Während die Wirklichkeit der Dinge im Film nur um ihre räumliche Komponente minimiert scheint,
steht in der fotografischen Realität auch die Zeit still.


KURZER BLICK ZURÜCK
Bewegungsstudien hat es in der Geschichte schon immer gegeben.
Diente die Beobachtung von Einzelfaktoren bei Bewegungsabläufen in den Aktzeichnungen von
Renaissance-Künstlern wie Leonardo da Vinci oder Dürer vor allem einer bildhaften Verdichtung,
so verlagerte sich der Schwerpunkt in den fotografischen Bewegungsaufzeichnungen Ende des
19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entschieden.
Meist mit wissenschaftlichem Ansatz, oder vor dem Hintergrund ökonomischer aber auch militärischer
Notwendigkeiten, wurde versucht, Bewegung analytisch in Einzelphasen aufzufächern.
Die Pioniere der Chronofotografie entwickelten erste Methoden der Serienaufnahmen, um einzelnen Phasen
von Bewegungen festzuhalten und sie für das träge menschliche Auge sichtbar zu machen.

Während der gebürtige Engländer Eadweard Muybridge (1830-1904) mit bis zu 30 hintereinander
geschalteten und synchronisierten Kameras arbeitete, belichtete der Franzose Etienne Jules Marey
(1830-1904) mehrere Aufnahmen auf einer Platte. Seine Arbeit mündete 1883 in der Konstruktion
des fotografisches Gewehrs, das es möglich machte, einzelne Phasen einer Bewegung in Form
von Einzelaufnahmen in einer Reihe hintereinander auf eine Platte zu belichten (Marey-Rad).
Durch die Konstruktion eines Scheibenverschlusses und die Bewegung der kompletten Kamera gelang es ihm
später, einen Bewegungsablauf zergliedert in einzelne Phasen in einem Bild darzustellen, ohne jedoch
die Präzison von Strobo-Aufnahmen zu erreichen.


LANGZEITBELICHTUNGEN SIND ZEITAUFZEICHNUNGEN
Erhard J. Scherpf versteht Langzeitbelichtungen als Ausdruck der philosophischen Betrachtungen
von Literatur-Nobelpreisträger Henri Bergson (1859 -1941), der Zeit als stehende Dauer (duré) beschreibt.
In seinen Arbeiten zeichnet Scherpf die tanzende Gestalt über die gesamte Zeitspanne der Bewegung
als Langzeitbelichtung auf. Die jeder Aufnahme zu Grunde liegende Länge der Belichtung wird also
durch die Dauer der Bewegung bestimmt. Der Körper ist während dieser Zeit "im Fluss".
Jede Bildspur, die der sich bewegende Körper vor dem schwarzen Hintergrund zurücklässt,
markiert einen Ort, an dem diese Bewegung stattgefunden hat.
Einzelbilder verschmelzen, Zeit wird gerafft. Das Nebeneinander und Übereinander von Bildspuren
macht es nicht immer leicht, die Bewegungsrichtung im Einzelnen zu rekonstruieren oder die Richtung
der Bewegung in der Zeit ausfindig zu machen.
Teilweise verhindern die Überlagerungen das Entwirren der einzelnen Stadien einer Bewegung.
Einzig die unterschiedlich starke Schwärzung der lichtempfindlichen Schicht ist Indikator für die zeitliche Dauer.
Die Aufnahmen, denen die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit
zugrunde liegt, zeigen die Summe der Erscheinungen eines Körpers in der Zeit.
Durch die angemessen lange Belichtungszeit gelangt man zur Synthese der Bewegung,
zur Darstellung der Geste.

Scherpfs Bewegungsstudien sind nicht zeitlos wie mit einem Lichtimpuls von 1/50.000 Sekunde erhellt.
Sie sind nicht zeitvoll im Sinne des geordneten Nacheinander, wie es Film sein kann.
Sie sind "stehende Dauer".


TECHNIK
Alle Aufnahmen wurden auf Polaroid-Sofortbildmaterial im Format 10 x 12,5 cm gemacht.
Dabei entstand ein Schwarzweiß-Positiv, was eine sofortige Kontrolle und Korrektur sowohl der
Kameraeinstellungen als auch des Bewegungsflusses ermöglichte.
Und es entstand ein Schwarzweiß-Sofortnegativ im Format 10 x 12,5 cm,
das Ausgangsmaterial für die gezeigten Schwarzweiß-Vergrößerungen (im Original 24 x 30 cm) war.
Der Polaroid-typische Negativrand wurde mitvergrößert.

Dem Thema "Zeit und Fotografie" widmet sich Erhard Scherpf seit 1983.
Nach unterschiedlichen konzeptionellen Ordnungsprinzipien sind seitdem Serien
auch von Raum Zeit-Verdichtungen (sog.Dromovisionen) und weitere Arbeiten im Bereich experimenteller
Fotografie zu Bewegung und Zeit entstanden .

Copyright © Erhard Scherpf, 2012