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DROMOVISIONEN


   



Körperbilder 3
>
Das Unbehagen am Rande der Schönheit<

The big ´C´
2004 - 2007


Epikurs scheinbar schlagender Satz: " Solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist,
sind wir nicht mehr da",
ist in seiner trivialen Richtigkeit ganz und gar unwahr. 
Als Widerspruch zum Leben ist der Tod vielmehr das Geheimnis des Lebens selbst.

Wir dürfen deshalb nicht so sehr auf das Tote blicken wenn wir erfahren wollen, was der Tod ist.
Das Tote ist nur ein unzureichender Ausweis des Todes.
Seine eigentliche Macht erweist er vielmehr am Leben, das er zerbricht. "Das Tote" interessiert
den Tod nicht. Das Tote sind nur die Folgen.
Der Tod hingegen ist nur am Leben interessiert. Er ist ein Ereignis am Leben -wenn auch sein letztes,
das er beendet.
Nur solange wir leben ist der Tod da, wenn auch als verborgenes Geheimnis des Lebens.

                                                                                                                                                          Text: © Erhard Scherpf  

Mein besonderer Dank gilt der Kunstwissenschaftlerin Juliane Gallo, von der ich mir den wunderbaren Titel
(Das Unbehagen am Rande der Schönheit) für meine Arbeiten ausleihen durfte.


Die lange verbreitete psychologische Krankheitstheorie, dass die Ursachen einer Krebserkrankung in der
Abgründen der Persönlichkeit der Erkrankten zu suchen seien, waren ein machtvolles Instrument, die Verantwortung
und die Schande auf den Einzelnen abzuwälzen. Aus Angst und vor allem aus Scham wurde Krebs (cancer) in den USA
mit >
The big C < umschrieben.


Einige dieser großformatigen Arbeiten wurden als Color-InkjetPrint in der Ausstellung > Aufrechter Gang II < gezeigt,
einer Gruppenausstellung von 4 FotografInnen und KünstlerInnen in der Eastside Gallery Kassel vom 13. - 27. März 2005.
2016 wurden die Aufnahmen in schwarz-weiss entwickelt , in Überlebensgröße gedruckt, und in der Atelierausstellung
beim Landrosinen Atelier-Rundgang 2016 gezeigt.



Trauer ist freier Fall in anderer Form. Es ist ein Sturz ins Abgespaltensein.
Trauer bedient sich im Körper derselben Sprache wie Verliebtheit, da ist kein
Unterschied. Die Organe werden geplagt von Unruhe und Begierde, ohne eine Ahnung
zu haben, dass das Verlangen nach einem Lebenden ein ganz anderes ist als das nach
einem Toten.
Vom Moment des Kennenlernens an sind sich die Liebenden selbst nicht mehr
genug, wissen sich keinen Rat mehr mit ihrem Körper, erkennen ihn nicht mehr als
etwas von sich selbst, weil er krank ist vor Liebe, zu etwas Unvollkommenen,
sehnsüchtig Bedürftigem geworden.

Trauer ist Verliebtheit ohne Erlösung.

Der brüske Tod löst eine monatelang anhaltende Erschütterung aus.
Bei dem Tod, dem ein Krankenhaus vorangeht, setzt die Trauer im Leben ein.
Die Tode unterscheiden sich.
Ohne dass man die Hoffnung aufgibt, ohne dass man an sich heranlässt, dass es
kein Kranken-, sondern ein Sterbebett ist, trauert man um das Leben, das noch ist,
das man festhalten möchte, während man schon dabei ist, Abschied davon zu
nehmen.
Und obwohl du dich unmöglich auf das vorbereiten kannst, was mit dir geschieht,
wenn dein Mann stirbt, kannst du auch genauso wenig nicht an seinen Tod denken.
Man glaubt es nicht, man kann es sich nicht vorstellen, es ist undenkbar - und doch.

Während ich das Wissen um das Wir noch in mir trage, ist es in Wirklichkeit
verschwunden.
Wir ist vorbei.
Wir ist tot.
Erste Person Plural, Präsens.
Aus der Grammatik gefallen, unmöglich noch in einen Satz zu fassen.

Niemand sagt: Ich war seine Schwester, ich war sein Bruder, ich war seine Frau.
Clara ist seine Tochter, Franz ist sein Enkelkind, ich bin seine Frau.
Es erscheint mir gerecht, dass wir im Präsens bleiben und der Rest der Welt in die
Vergangenheit verbannt ist. (Man war sein Nachbar, war sein Freund, war sein
Assistent.)  
Erst bei unserem eigenen Tod werden auch wir Vergangenheit.


Die übermächtige Faktizität seines Todes ist das, was mich dauernd erschüttert, was
die Wirklichkeit unwirklich macht. Ich erlebe die Gegenwart nicht.
Ich weiß, dass ich ihn nie mehr sehen werde, aber das Endgültige des Nie-mehr ist
zu absolut für meine Vorstellung.
Die vollendete Tatsache ist der Todesstoß für die Illusion, die mich im Bett den Platz
neben mir freihalten lässt, damit er sich dort ausstrecken kann, wenn er
wiederkommt, die mich seine Schuhe aufbewahren lässt, weil er sie brauchen wird,
wen er wieder zu Hause ist, die mich sein Handy aufladen lässt.

Alles, was ist, bei mir selbst angefangen, ist vor allem etwas nicht.
Stunde für Stunde, Minute für Minute, bin ich in der Einbildung seiner Anwesenheit. 
Er ist überall nicht. Jedes Zimmer, jeder Gegenstand spricht von einem verlorenen
Wir, von dem aus dem Präsens verjagten Plural.  
Das Heute krankt am Nicht und Nie-mehr.

Trauer hat mit absolutem Wissen, mit gnadenloser Klarheit über das Endgültige zu
tun. Es bleibt nichts zu wissen übrig. 
Der Tod steht unumstößlich fest, ist unumkehrbar. In der Allgegenwart eines
Abwesenden zu leben ist ein Zustand der Zerrissenheit und Benommenheit.
Es ist eine permanent
anwesende Vergangenheit, die das Heute unwirklich macht.

Als meine Mutter starb, starb ein Stück meiner Vergangenheit. Als mein Mann starb,
starb meine Zukunft. Diese ziellose Gegenwart der endlosen Tage, die Zerstreuung an
den Abenden, die Leer der Nacht, sich vor jedem Tag zu grausen, der vernichtet,
hinter mich gebracht werden muss, um den nächsten anzugehen, von nichts anderem
angetrieben zu werden als der profanen Uhrzeit, statt von der Ewigkeit einer Idee, ist
unerträglich.

Falling apart, dieser englische Ausdruck für das Zusammenbrechen, für einen Zustand
des Wahnsinns, trifft den Kern dessen, was geschieht, wenn ein geliebter Mensch
stirbt: Es ist ein Sturz ins Abgespaltensein. Weil etwas auseinandergerissen wird, das
zusammengehört. Man fällt aus dem heraus, was einen zusammenhielt, der Form
dessen, was man ist, und damit fällt man aus sich selbst heraus, aus der Einheit, die
ein Selbst ist, die aber nur dank des anderen besteht.


Sobald das Wir nicht mehr da ist, bricht das Ich zusammen.

Ich leide, weil ich an ihn denke, aber ich lebe nur noch, um an ihn denken zu können.
Der Kummer des Denkens ist zum Lebenszweck geworden, zum Einzigen, weswegen
es sich noch zu leben lohnt. Dabei ist das, was sich in meinem Kopf abspielt, beim
besten Willen nicht wirkliches Denken. Es ist die hartnäckige Wiederholung immer
wieder desselben in der Hoffnung, dass die repetierte Gleichung irgendwann zu einem
anderen Ergebnis führt als null, nichts.

Zur Trauer nach seinem Tod, dass ich ihn nie mehr sehen würde, kommt hinzu, dass
ich nicht mehr von ihm gesehen werde.
Es ist grotesk, einen Körper zu haben, wenn er nicht von ihm angesehen, berührt und
liebkost wird. Sehen und gesehen werden und um diesen Blick wissen, darauf
vertrauen, dass dieser Blick wohlwollend ist und nachsichtig.

Ich denke, man kann die Menschheit in zwei Kategorien aufteilen: diejenigen, die mit
dem Tod zu tun gehabt haben, und die anderen.
Jetzt weiß ich, was ich mir früher höchstens vorstellen konnte. Jetzt weiß ich, dass
es viel schlimmer ist, als man denkt.
Die wirklichen Leiden der Trauer bleiben den nicht unmittelbar Betroffenen erspart.
Das trennt uns, das haben wir nicht gemein.


>Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe
anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.< 
(Genesis 2,24)

Erst in der Trauer spürst Du körperlich, was es bedeutet, ein Fleisch zu sein.


Erhard Scherpf, 2017 / für I.S.

Textquelle: Connie Palmen "Logbuch eines unbarmherzigen Jahres"
(gekürzt, zusammengefaßt und bearbeiet)


                         
                         
                         
                         
                         
                         
                         
                                                                                                                                                           
                                                                                                                                                                                 
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