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BEWEGUNGSSTUDIEN

KÖRPERBILDER
     Exposé
     Körperbilder 1
     Körperbilder 2
     
Körperbilder 3
     
Körperbilder 4
    Körperbilder 5.0 + 5.1
     Körperbilder 6
     Körperbilder 7
     Körperbilder 8
     Körperbilder 9



DROMOVISIONEN


   

Körperbilder 5.1
"Körper-Bilder-Körper"

Die Gründe dafür, Bilder auf der Haut zu verewigen, sind so individuell wie der Mensch selbst.
Bei frühzeitlichen Tätowierungen geht man von Stammesritualen (z. Bsp. Initiationriten) oder
von kultischen Hintergründen aus. In Ägypten sollte eine Tätowierung der/dem Verstorbenen
Kraft und Fortpflanzungsfähigkeit im Jenseits geben. Bei den Ainu, den Ureinwohnern Japans,
erkannte man an einer Tätowierung rund um den Mund den Status eines erwachsenen
Eheweibs. Afrikanische Stämme drückten den Zusammenhang von Zeugung, Geburt, Tod,
Kraft und Mut aus. Die Vorstellung, dass sich die positiven Eigenschaften der Symbole z.B.
Tierdarstellungen oder Schriftzeichen auf den so Gezeichneten übertragen, hält bis heute an.

Religiös ist der Hintergrund bei den Hautzeichen der Frühchristen. Sie ließen sich die
Anfangsbuchstaben Christi, CX oder I.N. (Jesus Nazarenius), oder Symbole des Christentums
wie Lamm, Kreuz oder Fisch auf die Stirn oder das Handgelenk stechen. Die Kreuzritter im
Mittelalter stachen sich ebenfalls ein Kreuz in die Haut. Ohne diese Identifizierung, so ihr
Glaube, war einem Kämpfer im muslimischen Morgenland die christliche Ruhestätte nicht sicher.

Ob Seeleute, Fremdenlegionäre, die japanischen Mafiosi der Yakuza, Angehörige der SS im
Zweiten Weltkrieg, Prostituierte und Zuhälter oder Mitglieder der Hells Angels - (Rand-)Gruppen
nutzen bis heute Tätowierungen als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit.
Im NS-Konzentrationslager Auschwitz bekamen die Häftlinge eine Nummer auf den Arm
tätowiert.Diese reduzierte auf ein Sein als Nummer, löschte alte Identität aus,
und diente gleichzeitig dazu Leichen ohne Kleidung und geflohene Häftlinge identifizieren
zu können. (Identität)

Tätowierungen waren und sind oft Ausdruck einer Gegenkultur, die sich gegen geltende Normen
richtet. Doch wie viele andere Protesthaltungen ist auch das Tätowieren längst salonfähig
geworden: Prominente SängerInnen, SchauspielerInnen und SportlerInnen lassen sich genauso
tätowieren wie Bankangestellte, LehrerInnen und StudentInnen.
Individuelle, möglichst fantasievolle Tattoos, sind Kult, gelten als modisch, erotisch und schick.
Könnte der Wegfall identitätsstiftender Zusammenhänge und fehlende Rollenbilder in der
Gesellschaft zu dieser Verbreitung geführt haben?

Auch der psychologische Aspekt, seelische Befindlichkeiten für alle sichtbar auf der Haut zu
tragen, hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Dieser Spur möchte ich in meinen weiteren
Überlegungen folgen:




Tattoos sind eine der auffälligsten Möglichkeiten, nach sich selbst zu fahnden und dies nach
aussen zu zeigen - und eine der vergeblichsten und aussichtsreichsten Wege zugleich.
Lacan folgend, der mühselige Weg, einen strukturellen Mangel an Sein zu vertuschen.
Quadratzentimeter für Quadratzentimeter der Haut kann mit Nadel und Tinte neu und klar
definiert werden. Anhand der Bild-und Motivgalerien in den Studios kann sich Mann oder Frau
einen Wunschkörper scheinbar aussuchen, sich im Geiste neu verkörpern.
"Ink your Life" scheint den Weg zu einem Traum-Selbst zu öffnen. Es liegt darin das
Versprechen, einen Körpertraum Realität werden zu lassen, einem Ideal-Selbst nahe
kommen zu können.
Das Selbst scheint zunächst nicht genug verkörpert und nur mangelhaft präsent.

Die Verkörperung des Selbst im totalen Bild des Körpers, in einem über und über vom Wunsch
nach Verkörperung gezeichneten Leib, entpuppt sich jedoch als Illusion. Die Ex-Zentrizität des
Subjektes wird nicht überwunden.
Dem Voyeur gegenüber dem eigenen Körper entzieht sich der Bild-Körper als Fremdkörper,
als das unmögliche Objekt, dem nicht beizukommen ist, obwohl man sich dessen Präsenz im
Spiegel oder vor der Kamera zu versichern sucht.

So ähnelt der "Cat Man" Tom Leppard dank seiner Tattoos, angespitzten Zähnen und
Schönheits-OPs optisch einem Leoparden oder der "Lizard-Man" einer Eidechse.
Auch "The Enigma" hat sich einen Namen in der Tattooszene gemacht - ihn zieren ein
Ganzkörpertattoo aus Puzzleteilen und in die Stirn implantierte Hörner.

Spiegel bzw. Fotografie lassen als Symbol einer doppelten Getrenntheit - vom Körper und vom
Bild des Körpers - nichts anderes zu, als durch imaginäre Identifikation jenen Bild-Körper für
ein ICH zu etablieren, mit dem ES sich leben lässt.
Das Körperbild steht für die Sehnsucht nach dem Selbst-Bild, nach Selbst-Vergewisserung,
nach Identität und Individualität,. Ähnlich einer Fotografie wird nun der physische Körper an sich
zu einem Image, das die Person scheinbar erst zur Person werden lässt, wenn auch mit
vielleicht geliehener Identität.

Text + Fotos © erhard scherpf, 2015

Zu diesem laufenden Projekt entstehen noch weitere Bilder.

                              
 
                             
 
                             
                             
                                                                                                                                                    

Körperbilder 5.0 - Das Heimliche und das Öffentliche 1996 / 1997
Körper - Bilder - Körper


Die Sehnsucht nach dem Körper, nach Körperlichkeit und Verkörperung, lässt kaum jemanden
aus. Einige laufen sich beim Joggen die Lunge aus dem Hals, einige konsultieren den
Schönheitschirurgen, andere veranstalten Symposien und schreiben Bücher mit dem Titel
>Die Wiederkehr des Körpers<, und wieder andere lassen sich tätowieren. Das eine ist so gut
wie das andere. Hilfloser Ausdruck einer Entfremdung, die sich, so oder so, kaum rückgängig
machen lassen wird.

Plastische Chirurgie, Bodybuilding, Magersucht - ihnen allen gemeinsam ist der Versuch einer
Verkörperung in einer neuen Form des Körpers.

Anders bei einem Tattoo:
Eine Tätowierung verwandelt die äußere Hülle des Leibes, die Haut, in eine Leinwand.
Die Transformation des Körpers in ein Ausdrucksmittel des Selbst findet auf dieser Oberfläche
ihren bildhaften, heimlichen oder für alle öffentlich sichtbaren, Niederschlag.
Das Selbst in der Haut, also das Bewusstsein darüber, was und wer ich bin, wandelt sich
zusehends in ein Selbst als Haut.

Die historisch gewachsene Diffamierung der Tätowierten ist heute ein Stück weit einer
gesellschaftlichen Akzeptanz gewichen. Mit dem Schmetterling oder einer Rose auf dem
Oberarm oder dem Schulterblatt schmückt sich auch das Bildungsbürgertum inzwischen gerne.
Die Gruppe der "heavily tattooed", also Menschen mit großflächigenTattos bis hin zu
Ganzkörpertattoos erleben nach wie vor eine deutliche Ablehnung.
Für diese bleiben nur zwei Überlebensstrategien:
Verleugnung oder Verheimlichung der Tätowierung und damit eines entscheidenden Teils der
Identität oder - Konfrontation nach dem Motto" Ich gegen die ganze Welt"; letzteres hat meist
eine übersteigerte Herausstellung der Tätowierung (Gesicht, Hals oder Hände) zur Folge,
wobei auffallende Gesichtstätowierungen ausgesprochen selten sind.

                  





Die nachfolgenden Bilder entstanden während der beiden großen Tattoo-Conventions 1996 und
1997 in der Salzmann-Fabrik in Kassel in einem improvisierten Studio abseits des
Geschehens.

Beeindruckend für mich war, wie unbefangen sich erwachsene Menschen vor einem fremden
Fotografen vollständig, oder doch beinahe vollständig, entkleideten. Es war häufig ein ganz
selbstverständlicher Akt, der beinahe etwas klinisches hatte, denn der Körper unter der
Tätowierung schien überhaupt nicht in den Blick zu geraten.
Es war erstaunlich, wie vollständig die gesellschaftlich herrschenden ästhetischen Normen,
die sich weitgehend doch an der Hochglanzreklame der Kosmetikindustrie orientieren,
hierbei ausser Kraft gesetzt wurden. Niemand schämte sich wegen seines gealterten Körpers,
seiner verschrumpelten und faltigen Haut, seines Bierbauchs oder seiner Hängebrüste.
Scham war hier selten im Spiel, weder real noch kokettierend oder überspielt. Man zeigte mir
die Tätowierungen, wie andere ihre Urlaubsfotos zeigen.

In den Gesprächen konnte ich viel über Tattoos erfahren. Niemand fragte mich jedoch, ob ich
selbst tätowiert bin. Was nicht der Fall ist. Vielleicht war diese Nachfrage auch nicht nötig,
weil alle sich in einer Insider-Szene zu bewegten glaubten. Vielleicht lag es auch an den
Wegweisern zum Studio. Darauf stand:
Does your tattoo need a picture?



Einige der Aufnahmen wurden als großformatige Prints in der Ausstellung
Innenseite - International Art Exhibition der Projektgruppe STOFFWECHSEL
zusammen mit Arbeiten Kasseler KünstlerInnen in der Salzmannfabrik Kassel,
parallel zur Dokumenta 10, 1997, gezeigt


Copyright (C) Erhard Scherpf 1996 + 1997 / 2016
                  
Tatto-Convention Kassel, 1996 / 1997
                              
Andy, März 1996
                             
Dirk, März 1996
                              
Dirk, März 1996
                              
Jochen, März 1996
                              
Jochen, März 1996
                              
Matt, März 1996
                              
Peter, März 1996
                              
René, März 1996
                              
René, März 1996
                              
Rolf, Juni 1997
                              
Stefan, März 1996
                              
Thomas, März 1996
                              
Thorsten, März 1996
                              
Ulf, März 1996
                              
Ulf, März 1996
                              
Uwe, März 1996
                              
Uwe, März 1996
                              
Die Schwestern Deike und Suzie , März 1996
                              
Carmen, März 1996
                              
Carmen, Juni 1997
                              
Christiane, März 1996
                              
Elisabeth, Juni 1997
                              
Ingrid, Juni 1997
                              
Karin, März 1996
                              
Miriam, Juni 1997
                              
Sonja, März 1996
                              
Tatjana, Juni 1997
                              
Pia, Mai 1999
Copyright © Erhard Scherpf